Warum fehlen Busfahrer:innen?

Eine Situation voller Widersprüche.


Die Problematik der fehlenden Busfahrer liefert auf den ersten Blick ein Bild voller Diskrepanzen.


#1 Während Anwerbekampagnen künftige Busfahrer einen “Beruf mit Zukunft” versprechen, warnen zeitgleich Busunternehmer beim Ausbleiben umgehender Maßnahmen vor dem Sterben der Branche.


#2 Die Politik propagiert auf großer Bühne die Mobilitätswende samt Ökologisierung und massiver Ausweitung des öffentlichen Verkehrs. Gleichzeitig führt eine öffentliche Ausschreibungspolitik, die fast ausschließlich über den Preis und nicht über die Qualität gesteuert ist, private Busunternehmen reihenweise ins Sub-Unternehmertum.


#3 Auch Busfahrer haben zu dieser komplexen Problemsituation ein Dilemma beizutragen. Sie beklagen unter anderem das Auseinanderklaffen von Brutto- und bezahlter Netto-Arbeitszeit.


#4 Nachhaltig kalkulierende Busunternehmer, die den Wert der Arbeit ihrer Fahrer kennen und schätzen, wären bereit höhere Löhne zu zahlen. Die Dumpingpreise jener, von betriebswirtschaftlichen Realitäten losgelöst agierender Mitbewerber, speziell im Anmietbereich, nehmen ihnen jedoch diese Möglichkeit, höhere Kosten an Kunden weiterzugeben.


#5 Branchenfachleute und -verbände weisen unablässig auf die große gesellschaftliche Bedeutung des Berufszweiges für alle, die per Bus zur Arbeit, in die Schule, zum Einkauf oder auf Reisen unterwegs sind, hin. Gleichzeitig tippen sich Busfahrer in sozialen Medien ihre frustrierenden tagesaktuellen Erlebnisse geringster gesellschaftlicher Wertschätzung von der Seele.


Fazit: Ein easy-to-solve Problem? Wohl eher nicht.




Anwerbekampagnen haben Grenzen

Die mittlerweile angelaufenen, sehr professionellen Anwerbekampagnen, werden so manches Bus-Cockpit besetzen. Dass sie jedoch die gesamte Bedarfslücke schließen, das traut ihnen niemand zu. Warum? Weil sie eben das tun, was Marketingkampagnen zu tun haben: sie versuchen ein Produkt zu vermarkten, zu verkaufen. In diesem Fall das Produkt "Beruf Busfahrer:in". Die unumgängliche Verbesserung am Produkt selbst ist das jedoch nicht. Daher wird der Erfolg von Anwerbekampagnen stets begrenzt bleiben.

Wer hat das Problem zu lösen?

Busunternehmer, Verkehrsbetriebe und Branchenverbände sind diejenigen, die aktuell das Problem, die Auswirkungen des Fahrermangels, "an der Backe" haben. Aber ehrlich, sind sie es auch, die eine Lösung finden müssen? Sind sie es, die um eine Finanzierung allfälliger Lösungen kämpfen müssen? Vermutlich würde kaum jemand aus der oben genannten Dreiergruppe eine umfassende Verkehrswende binnen weniger Jahre versprechen. Warum? Weil ihnen nur zu bewusst ist, dass dafür die Busfahrerinnen und Busfahrer fehlen.


Die Ankündigung der Mobilitätswende kommt von anderer Stelle. Eben dort ist sie - mitsamt aller Konsequenzen und für die Umsetzung notwendiger Rahmenbedingungen - zu Ende zu denken.



Existierende Lösungsansätze

Selbstverständlich wurde schon lange vor diesem Artikel - nicht nur professionell, sondern auch mit sehr konkreten Ansätzen - nach Lösungen aus dem Dilemma gesucht. Flexible Teilzeitmodelle etwa machen es Busfahrern einfacher Beruf und Familie zu vereinbaren. Ebenso werden Ausbildungsoffensiven ihren Beitrag zur Verbesserung der Situation leisten. Ja sogar das autonome Fahren kann künftig, zunächst aller Voraussicht im urbanen Raum, entschärfend wirksam werden.

Wo kein Weg vorbei führt

Wo aber menschliche Bedürfnisse wie gesellschaftliche Anerkennung, Zufriedenheit im Job und ein Arbeitsalltag, der ein Familienleben nach den Ansprüchen der Gegenwart(!) erlaubt, die wahren Gründe für die aktuelle Situation sind, werden die oben genannten Lösungsansätze nur sehr begrenzt wirken. Hier wünsche ich mir eine Diskussion, radikal und innovativ und auf Augenhöhe mit Fahrern, Unternehmern, Experten und Politik, wie das Berufsbild Busfahrern aussehen kann. Damit man künftig in Kampagnen wirklich und mit gutem Gewissen für einen "Beruf mit Zukunft" werben kann.


Gerhard Nagl Beratungsagentur für Bustouristik

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