Die Wanderer und die Bustouristik
Aktualisiert: 26. Aug.
Das Wichtigste in Kürze: Das Interesse an organisierten Wanderreisen ist in der Kernzielgruppe der Bustouristik belegt hoch: In der Bergzeit-Wanderstudie 2021 gaben 40 % der Männer über 65 und 39,4 % der Frauen zwischen 56 und 65 Jahren an, lieber an einer organisierten Wanderreise teilzunehmen als individuell zu planen. Zwei Jahre später nennt dieselbe Studienreihe nur noch 9 % — allerdings bei anderer Fragestellung. Verlass dich deshalb nicht auf Studienwerte, sondern frag deine eigene Kundenkartei.
Ich habe diesen Beitrag im August 2021 geschrieben, weil mich eine Zahl überrascht hat. Fünf Jahre später ist die Zahl noch da — aber sie steht nicht mehr allein. Und das macht den Fall interessanter als damals.

Foto: gbk – Gütegemeinschaft Buskomfort e.V.
Warum die Zahl der Wandernden allein nichts bringt
Wandern ist in Österreich kein Nischenthema — aber das allein sagt wenig. Absolute Zahlen dazu kursieren in vielen Varianten und Jahrgängen. Für die Bustouristik bedeuten sie ohnehin alles und nichts — denn wer wandert, muss deshalb noch lange keine Wanderreise buchen.
Konkret wird es erst, wenn man nach der Form des Wanderns fragt.
Wer will eine organisierte Wanderreise?
In der Kernzielgruppe der Bustouristik liegt das Interesse bei rund vier von zehn Personen. Die Bergzeit-Wanderstudie 2021 hat das nach Alter und Geschlecht aufgeschlüsselt:
Männer über 65 Jahre: 40 % Interesse an organisierten Wanderreisen, mit oder ohne Vorerfahrung. 20 % von ihnen nannten fehlende passende Angebote bei grundsätzlichem Interesse.
Frauen zwischen 56 und 65 Jahren: 39,4 % Interesse. Diese Gruppe hat auch die meiste Erfahrung damit — 28 % haben bereits eine organisierte Wanderreise gebucht.
Quelle: Bergzeit-Wanderstudie 2021, Befragung von Wanderfreudigen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz.
Das sind die Hauptzielgruppen unserer Branche. Und die 20 % der Männer über 65, die kein passendes Angebot finden, sind kein Marktforschungsdetail — das ist eine unbesetzte Nachfrage.
Warum neuere Zahlen ganz anders aussehen
Zwei Jahre später nennt dieselbe Studienreihe einen völlig anderen Wert. In der Bergzeit-Wanderstudie 2023 fanden organisierte Wanderungen in der Gruppe nur noch bei 9 % der Befragten Anklang. Von 40 % auf 9 % — das sieht nach Einbruch aus.
Ist es aber vermutlich nicht. Die beiden Zahlen messen unterschiedliche Dinge:
2021 wurde nach dem Interesse an organisierten Wanderreisen gefragt — aufgeschlüsselt nach einzelnen Altersgruppen.
2023 ging es um die bevorzugte Wanderform über alle Befragten hinweg. Und die Teilnehmerschaft dieser Studienreihe ist deutlich jünger und sportlicher als das typische Busreisepublikum.
Ich sage das so deutlich, weil beide Zahlen im Netz kursieren — und weil man mit jeder von beiden das Gegenteil belegen kann. Wer die 40 % zitiert, ohne die Fragestellung dazuzusagen, arbeitet unsauber. Wer die 9 % zitiert, ebenso.
Wie finden Wandernde ihre Touren?
Digital ist bei Wandernden nicht die Hauptquelle. Die BTE-Wanderstudie 2024, durchgeführt von BTE Tourismus- und Regionalberatung gemeinsam mit dem Deutschen Wanderverband, kommt zu dem Ergebnis, dass nur 33 % der Wandernden ihre Inspiration aus digitalen Medien ziehen. Unter den digitalen Quellen führt Komoot mit 52 % — das entspricht aber nur rund 6 % aller Antwortenden.
Quelle: BTE/DWV, Wanderstudie 2024, n = 334, Bevölkerungsstichprobe.
Für uns heißt das: Der gedruckte Reisekatalog und die persönliche Empfehlung sind bei Wanderreisen nicht altmodisch, sondern der Hauptkanal. Zwei Drittel der Wandernden werden nicht digital inspiriert.
Was heißt das für dein Busunternehmen?
Ich behaupte: Verlass dich bei dieser Frage auf keine Studie — auch nicht auf die, die dir gerade passt. Du hast eine bessere Datenquelle als jedes Marktforschungsinstitut: deine eigene Kartei.
Drei Fragen, die du in einer Stunde beantworten kannst:
1. Wie viele deiner Stammgäste sind zwischen 55 und 75? Genau dort liegt laut der 2021er-Zahlen die höchste Bereitschaft.
2. Welche deiner bestehenden Reisen haben bereits einen Wanderanteil? Oft ist das Produkt schon da und heißt nur nicht so.
3. Frag zwanzig Gäste direkt. Auf der nächsten Fahrt, mündlich, ohne Formular. Zwanzig ehrliche Antworten aus dem eigenen Kundenkreis sind belastbarer als jede DACH-weite Prozentzahl.
Fazit
Der Wunsch nach gut organisierten Wanderreisen ist in unserer Zielgruppe vorhanden — das war 2021 so und es ist bis heute nicht widerlegt. Was sich geändert hat, ist die Studienlage: Sie ist uneinheitlicher geworden, und das ist ein Grund mehr, die eigene Kartei zu befragen statt fremde Prozentwerte zu übernehmen.
Die interessanteste Zahl bleibt für mich ohnehin die kleinste: 20 % der Männer über 65 hatten Interesse, aber kein passendes Angebot gefunden. Das ist keine Marktlücke in einer Studie. Das ist eine Marktlücke vor deiner Haustür.
Häufige Fragen
Lohnen sich Wanderreisen für kleine Busunternehmen? Das Interesse in der Kernzielgruppe ist belegt: 40 % der Männer über 65 und 39,4 % der Frauen zwischen 56 und 65 bevorzugen laut Bergzeit-Wanderstudie 2021 eine organisierte Wanderreise gegenüber individueller Planung. Ob es sich für dein Unternehmen rechnet, hängt aber von deiner konkreten Kundenstruktur ab.
Reicht die Zahl der Wandernden als Marktindikator? Nein. Entscheidend ist nicht, wie viele Menschen wandern, sondern wie viele davon eine organisierte Reise buchen würden — und in welcher Altersgruppe. Genau dort setzen die im Beitrag genannten Studienwerte an.
Warum widersprechen sich die Studien zu Wanderreisen? Weil sie unterschiedliche Fragen stellen. Die Bergzeit-Studie 2021 erhob das Interesse nach Altersgruppen, die Ausgabe 2023 die bevorzugte Wanderform über alle Befragten. Achte bei jeder zitierten Zahl auf Fragestellung, Jahr und Stichprobe.
Über welchen Kanal erreiche ich Wanderinteressierte? Überwiegend nicht digital. Laut BTE/DWV-Wanderstudie 2024 ziehen nur 33 % der Wandernden ihre Inspiration aus digitalen Medien. Katalog, Mundpropaganda und Bestandskundenansprache bleiben die stärksten Kanäle.
Bustouristische Grüße
Gerhard
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